Erschütternde Autobiographie von Sarah Richmond
Sarah Richmond (ein Pseudonym) leidet seit ihrem 8. Lebensjahr an Narkolepsie. Sie erfuhr dies erst im Jahr 2003 – mit Anfang 50. Mit „Herz in Tränen“ versucht die Autorin ihren langen Leidensweg mit der unentdeckten Krankheit zu verarbeiten – und muss am Ende resignierend feststellen, dass sie die Narkolepsie wohl niemals wird akzeptieren können.
„Das erste Schuljahr verlief eigentlich noch recht gut, und ich wurde in die zweite Klasse versetzt. Aber dann. Langsam ging es bergab. Die ersten Stunden des Unterrichts verfolgte ich noch recht munter, dann jedoch wurde ich mehr und mehr müde. Schlafen wollte ich, nur noch schlafen. Mehr und mehr begann ich zu gähnen, und die Tränen, die durch das andauernde Gähnen hervorgerufen sind [sic!], liefen mir unentwegt die Wangen herunter. Meine Klassenkameraden, die mein Gähnen mitbekamen, begannen leise zu kichern…“
„Das Kind hat Entwicklungsstörungen“
Deutschland, Ende der 50er Jahre: Das kleine Mädchen ist 8 Jahre alt, als ihre schulischen und familiären Probleme beginnen. Dem Unterricht kann sie nicht mehr folgen, ständig wird sie von Müdigkeitsattacken geplagt. Schließlich muss sie die zweite Klasse wiederholen. Anfangs denken Lehrer und Eltern, dass das Kind schlichtweg zu faul sei. Sowohl in der Schule als auch zu Hause werden Prügelstrafen fortan als Erziehungsmaßnahme eingesetzt. Doch die erhoffte Wirkung bleibt aus. Das Mädchen kann sich nicht konzentrieren, nickt während des Unterrichts immer wieder ein, und bei der Hausaufgabenverteilung ist sie meistens ganz „weggetreten“. Die Folge sind härtere Prügelstrafen. Mittlerweile reicht die Hand nicht mehr aus. Die Mutter benutzt den Rohrstock, die Lehrerin ebenso. Ihre Mitschüler bringen ihr nur noch Hass entgegen und bezeichnen sie als „verblödet“.
Wenige Jahre später scheinen alle Spötter Bestätigung zu bekommen: Ein Arzt diagnostiziert bei dem Mädchen Entwicklungsstörungen. Damit steht für ihre Familie fest, dass sie geistig zurückgeblieben ist. Nun glaubt sogar das Mädchen selbst, dass sie dumm sei. Sie tröstet sich mit ihrem Tagebuch, welches sie als ihre „beste Freundin“ bezeichnet, und mit ihrer Traumwelt, in der sie im fernen Amerika bei Winnetou und den Indianern lebt. Ihr Leid scheint kein Ende zu nehmen: Die Pubertät ist gekennzeichnet von Ohnmachtsanfällen, verbunden mit Verkrampfungen und heftigen Migräneanfällen. Immer wieder wird sie ins Krankenhaus eingeliefert, doch mehr als eine starke Erschöpfung können die Ärzte nie erkennen…
Ein jahrelanger Kampf gegen die Ungerechtigkeit
„Herz in Tränen“ ist keine leichte Lektüre. Die Sprache ist zwar verständlich und einfach, aber der Inhalt ist sehr aufwühlend. Man möchte sich nicht vorstellen, dass die beschriebenen Ereignisse wirklich so geschehen sind. Zu irreal, zu ungerecht erscheint die Geschichte dieser bemerkenswerten Frau.
Bemerkenswert ist „Sarah Richmond“ deshalb, weil sie eigentlich mit zwei grundlegenden Problemen in ihrer Kindheit zu kämpfen hatte. Zum einen ist da die Mutter, die während des 2. Weltkriegs aufgewachsen war und deshalb sehr autoritäre Vorstellungen von Erziehung hatte. Zudem war die Familie mittellos: so verbrachte Sarah insgesamt eine sehr entbehrungsreiche und sorgenvolle Kindheit. Zum anderen wurde die Krankheit, die damals niemand (er)kannte, fehlgedeutet, sodass das Mädchen als faul und dumm angesehen wurde. Spätestens als der Arzt Entwicklungsstörungen feststellte, fing auch die Autorin selbst an zu glauben, dass sie geistig zurückgeblieben war. Um so erstaunlicher war es, dass sie sich trotzdem nie aufgab und weiterkämpfte: für eine Ausbildung und für ein eigenständiges Leben – letztendlich mit Erfolg.
Doch die Gewissheit, dass sie geistig fit ist, bekommt sie erst viele Jahre später. Einer Nachbarin, die zufällig an Narkolepsie leidet, fallen die Müdigkeitsattacken auf. Sie gibt der Autorin den Rat, den Neurologen aufzusuchen, bei dem sie selbst in Behandlung ist. Dieser kann schließlich die richtige Diagnose stellen.
Was ist es wohl für ein Gefühl, wenn man mit 50 Jahren feststellt, dass die eigene Familie einen das ganze Leben lang ungerecht behandelt hat? Was fühlt man, wenn man weiß, dass man auf Grund einer unentdeckten Krankheit in der Schule durch die Hölle gegangen ist? Die Betroffene selbst beschreibt: „Es ist unglaublich, wenn ich daran denke, dass es eigentlich die Narkolepsie war, die mir damals alles, aber auch wirklich alles im Leben genommen hat.“
Es ist kein Zufall, dass die Autorin das Pseudonym „Sarah Richmond“ benutzt. Sie möchte anonym bleiben, um sich selber und auch ihre Familie zu schützen. Das verwundert nicht, denn nicht nur einmal hat man als Leser das Gefühl, dass man eingreifen muss. Man will diesem kleinen Mädchen, das so unvorstellbar viel Schmerz ertragen muss, unbedingt helfen.
Autobiographie soll Öffentlichkeit für Narkolepsie sensibilisieren
Eigentlich hatte die Autorin nie geplant, ein Buch zu verfassen. Nachdem die Diagnose Narkolepsie bekannt war, wurde sie von einer Freundin dazu ermutigt. Basierend auf den alten Tagebucheinträgen schrieb sie ihre Geschichte auf, um damit ihre Kindheit besser verarbeiten zu können und um die Öffentlichkeit auf die Krankheit Narkolepsie aufmerksam zu machen. Das Buch kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Narkolepsie, besonders bei Kindern, rechtzeitig erkannt wird. Es macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Pädagogen und Eltern genauer hinschauen sollten, wenn ein Kind häufig müde ist und sich nicht konzentrieren kann.
Autorin: Manon Pacyna
Erstellt am 26.02.2008